Franz Szabo
Dezember 2009
Mozart, Idomeneo, Nikolaus Harnoncourt, Steirische Kulturveranstaltungen GmbH
Lust auf Harnoncourt? Ein kompaktes Büchlein mit zwei DVDs präsentiert den großen Mozart-Erfolg des Jahres 2008, heftig bejubelt bei den Styriarte-Konzerten in der Helmut-List-Halle. Nun kann man den beängstigenden Ballettorkan nochmals genießen, über den ich 2008 schrieb: Überwältigend geriet die große Sturmszene mit Neptuns Wutanfall, als die Tänzer im schwefelgelben Licht des fürchterlichen Unwetters zwischen den Chorsängern springend, schleichend und drohend, ähnlich Tolkins Gollum, archaische Schrecken tobender Wasser verbreiteten. Marie-Claude Chappuis singt und spielt – besser verkörpert" – den Idamante mit berührender emotionaler Intensität, die alle anderen Sänger übertrifft. Saimir Pirgu stellt den Idomeneo als wahren Kriegshelden mit all seinen Stärken und Schwächen dar und gestaltet die stimmliche Klangwelt dieser Persönlichkeit mit der jugendlichen Kraft und Pracht eines zukünftigen Wagnertenors. Was den Besuchern dieser memorablen Aufführung vorenthalten blieb, ein Einblick in die Probenarbeit, findet sich nun als Bonus-Track auf der DVD, dazu reichliches Bühnenfotomaterial und natürlich das Libretto. Ein gehaltvolles und attraktiv gestaltetes Geschenk zum 80. Geburtstag des großen steirischen Dirigenten – und ganz besonders für den weihnachtlichen Gabentisch!
Stylus Phantasticus, Bell'Arte Salzburg, Berlin Classics, 0016572BC
Lust auf Violine? Sidon? Schop? Strungk? Klingelt's da in Ihrer Diskothek? Wenn nicht, dann ist es höchste Zeit, Annegret Siedels neueste CD zu hören, die sie mit ihrem Ensemble Bell'Arte Salzburg eingespielt hat. Welch prachtvoll leuchtender Strauß violinistischer Blüten — melodischer Fluss, der abrupt und unvermittelt in grelle Dissonanzen explodiert. Barocke Farbenpracht, gebrochen vom Obertonreichtum der Darmsaiten, süß und gleichzeitig von herber Schärfe, an kandierten Ingwer erinnernd. Annegret Siedel und Ulrike Titze wetteifern in ornamentalen Verzierungen, umspielen einander in kunstvoller Verflechtung, so dass der Hörer die Melodielinien ihrer Geigen kaum mehr zu trennen vermag. Auf eine strenge Fuge folgt ein freier Tonfluss, der wiederum in eine kontrapunktische Gigue überführt. Stylus phantasticus in kunstvollem Violinspiel zelebriert, quasi als Kontrast zu Frobergers Cembalokompositionen — ein großer Musikgenuss!
Telemann, Brockes-Passion, René Jacobs, harmonia mundi, HMC 902013.14
Lust auf Leiden? Johann Sebastian Bachs Passionsmusiken sind quasi allgegenwärtig, doch auch andere Komponisten haben Meisterwerke dieser Gattung komponiert, wie die Brockes-Passion Telemanns mit jedem ihrer schmerzerfüllten Takte beweist. Barthold Heinrich Brockes Passionslibretto "Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus" wurde zumindest 13 Mal vertont. Neben Telemann auch von Keiser, Händel und Mattheson. Heftige emotionale Erschütterung und drastisch brutale Szenen waren nicht immer jedermanns Geschmack, doch René Jacobs und seine großartigen Sänger und Instrumentalisten umschiffen alle gefährlichen Klippen überladenen Schwulstes mit großer Ernsthaftigkeit und seltenem Feingefühl für die Texte und deren musikalische Formgebung. Die Akademie für Alte Musik Berlin beweist unter seiner Stabführung wie schon so oft, dass sie eines der besten Ensembles für Alte Musik ist. Mitreißend ergänzt vom explosiv und klangschön agierenden RIAS -Kammerchor. Brigitte Christensen, Sopran, Lydia Teuscher, Sopran, Marie-Claude Chappuis, Mezzosopran, Donát Havár, Tenor, Daniel Behle, Tenor, und Johannes Weisser, Bariton, glänzen als Solistenensemble ohne jegliche Schwachstelle mit erlesener Gesangskunst, die sich dem anspruchsvollen emotionalen Gehalt ebenbürtig erweist, wie zum Beispiel in der hochdramatischen und virtuosen Sopran-Arie der Tochter Zions "Was Bärentatzen, Löwenklauen". Ein zutiefst bewegendes Passionserlebnis!
G.Ph. Telemann, Quatuors Parisiens Vol. 1, cpo 777375-2
Lust auf Kammermusik? Ganz im Kontrast zur blut- und schweißtriefenden Passionsdramatik steht die Kammermusik der Quatuors Parisiens Vol. 1 von Georg Philipp Telemann, wie sie John Holloway, Violine, Linde Brunmayr, Traversflöte, Lorenz Duftschmid, Gambe, Ulrike Becker, Violoncello, und Lars-Ulrik Mortensen, Cembalo, einspielen. Ein höchstkarätiges Solistenensemble, in dessen Genuss man nicht oft kommt, außer man besuchte die nun leider der Vergangenheit angehörende Internationale Woche der Alten Musik in Krieglach. Telemann studierte 1737 in Paris die von ihm so geschätzte französische Musik – später sollte man ihm sogar vorwerfen, dass er "französischer" komponiere, als die Franzosen. Diese kontrapunktisch kunstvollen Quartette ließen drei gleichberechtigte Instrumentalstimmen sehr unterschiedlicher Klangfarben, Violine, Flöte und Gambe, über dem Bassfundament konzertieren. Holloway als langjähriger Konzertmeister von Les Arts Florissants und Duftschmid als Spezialist französischer Gambensolomusik bringen immense Erfahrung zur Interpretation dieser dicht gewebten Musikstücke ein; Erfahrung, die im Augenblick des Spiels zu emotionaler Gestaltungskraft mutiert und kongenial von den anderen Musikern ergänzt wird. Anspruchsvoll, unbedingt mehrfach anhören – keine Nebenbeimusik!
Exit Baroque, Austrian Baroque Company, Michael Oman, deutsche harmonia mundi, 88697483942
Lust auf Flöte? Der Oman Consort heisst nun Austrian Baroque Company, die Musiker sind die selben geblieben. Die anglophile Umbenennung wurde anlässlich einer USA-Tournee nötig, weil "Oman" zuviel arabisch-politischer Brisanz innewohnt. Der Michael hat sich offensichtlich seinen Familiennamen recht unbedacht mit zu wenig zeitgeistig-politischer "correctness" vererben lassen. ;-) Spaß beiseite, das Lachen bleibt einem derzeit ohnehin im Halse stecken, und zurück zum Flötenspiel, das er beherrscht, wie wenige andere. Zu dem gesellt sich eine Lebensfreude verstrahlende Musikerpersönlichkeit, die Zuhörer im Konzert und auf CD beglücken und begeistern kann, wie hier mit Kompositionen hauptsächlich italienischer Komponisten. Darunter Merula, Vivaldi, Sammartini, Marcello oder Mealli, um die bekannteren anzuführen. Eine über 150 Jahre führende Reise durch eine prunkvolle Epoche europäischer Musikgeschichte. Beginnend mit Johann Heinrich Schmelzers Ciaccona für Kaiser Leopold I. und endend mit Giuseppe Sammartinis Sonate für Sopranblockflöte. Er war höchst angesehener Oboist in Händels Orchester im King's Theatre. Barocke Lebensfreude, die bis heute zu tristen Alltag vergolden kann. Bestens geeignet für die grauen Winterwochen, welche uns bevorstehen!
Resonanzen 2007, Pomp, Glanz und Glorie, ORF Edition Alte Musik, ORF SACD 3019
Lust auf Resonanzen? Jedes Jahr im Jänner finden im Wiener Konzerthaus die Resonanzen statt, das konzentrierte Wiener Festival Alter Musik, zu dem der ORF jeweils im Jahresabstand ein CD-Album mit Konzertmitschnitten anbietet. Bemerkenswert waren im Jahr 2007 besonders die Auftritte der Ensembles Capilla Flamenca, Mala Punica, Micrologus, Vivante und Zefiro. Herrliche Stimmen, wie Tore Tom Denys und Erik Leidal, die mitreißende Patrizia Bovi, begnadete Solisten, wie Alfredo Bernardini, Oboe, oder Pedro Memelsdorff, Blockflöte, und Paul O'Dette, einer der besten Lautenisten der letzten Jahrzehnte, begeisterten das meist fachkundige Publikum zu Applausstürmen. Schön, die Konzertmitschnitte in Ruhe nochmals nachzuhören!
© 2002, Franz Szabo. All Rights Reserved.