Oratorium von Johann Joseph Fux

Franz Szabo

April 2010


Johann Joseph Fux, "Christo nell'Orto", Bach Consort Wien, Graz, Helmut-List-Halle, 1.4.2010, 19 Uhr

Den Gründonnerstag des heurigen Jahres feierten die Veranstalter der PSALM und STYRIARTE anlässlich des 350. Geburtstages von Johann Joseph Fux mit einem erlesenen und seltenen Musikgenuss, der seit dem Jahr 1731 nicht mehr aufgeführt worden war. "Christo nell'Orto", also Christus im Garten (Gethsemane), würde ich als barockes Passions-Oratorium in italienischer Sprache und Tradition bezeichnen. Typisch dafür sind allegorische Dialoge mit imaginären Gestalten, die in den Evangelien nicht vorkommen, wie göttliche Gerechtigkeit, betrachtende Seele, tröstender Engel und göttliche Liebe. Man kennt ähnliche Figuren aus Barockoratorien von Georg Friedrich Händel, Alessandro Scarlatti oder Giacomo Carissimi. Den Text verfasste der Poet am Wiener Kaiserhof, Pietro Pariati, in italienischer Sprache, die beim Hochadel geläufig war. Ein dreifacher Gegenentwurf also zu Georg Philipp Telemanns und Johann Sebastian Bachs Passionen: Katholisch statt protestantisch, italienisch statt deutsch und gedacht für das Habsburgische Kaiserhaus statt für das gehobenen Bürgertum. Anstelle von, trotz ihrer Dramatik, schlichten Texten, wie von Barthold Heinrich Brockes bei Bachs Johannespassion, türmt Pariati theologisch belehrende, oft pessimistische Schuld- und Sühnezuweisungen auf, deren Schwülstigkeit manchmal die Grenzen des Erträglichen tangiert — musikalisch genial veredelt von Fux, dem Star der steirischen Barockkomponisten. Seine Komposition bleibt immer originell und ausdrucksstark, der Zuhörer hat nie den Eindruck, dass er "Füllstoff" produzieren muss.

Die Helmut-List-Halle begrüßte ihre Besucher an diesem Gründonnerstag mit einer aufwändigen Garten-Inszenierung von Bühne und Zuschauerraum. Prächtige Bäume diverser Grünschattierungen, die untertags extra ins Licht getragen wurden, umrahmten die Sitzreihen. Die Seiten des Podiums waren mit echtem Rasen, der täglich gesprengt wurde, verkleidet, sogar die Projektionsleinwand üppig mit Efeu gerahmt. (Hoffentlich eine Anregung für andere Veranstalter, wie technisches Equipment perfekt in stilvolles und/oder historisches Ambiente integriert werden kann.) Projiziert wurde ein altes Gemälde von Christus, dem der Engel den Kelch reicht. Am oberen Rand erschien die jeweilige Übersetzung des italienischen Textes eingeblendet. Saal und Bühne wurden von den Scheinwerfern in grünes und goldenes Licht getaucht. Perfekt gemacht!

Der Dirigent Rubén Dubrowsky versammelte auf der großen Bühne den mit Streichern und Bläsern großzügig ausgestatteten Bach Consort Wien um sich. Das Ensemble bot unter seiner Leitung eine makellose Leistung über zweieinhalb anstrengende Stunden. Im Zentrum aller Instrumente standen Gambist und Cellist — die für den Basso continuo wichtige Theorbe rahmend — in höchst anspruchsvollem Dauereinsatz, als solistische Begleitung der Sänger im Wohlklang wetteifernd. Prachtvoll erklang die Gambe zur Bassarie "Als Mensch dein Untertan" – um nur eine der vielen bemerkenswerten Stellen anzusprechen. Eine wunderschöne Leistung der beiden Künstler! Nicht zu vergessen, die Orgel zum Bass und den Streichern im Schmerzensklang von "Nimm den Kelch von mir" oder die Flöte einfühlsam den Sopran umspielend. Der üppige und kultivierte instrumentale Emotionsbogen reichte von wuchtigem göttlichen Zorn über lyrische Gartenpassagen bis hin zu epischer Breite himmelstürmenden Jubels. Eine wahre Klangexplosion trug die Arie "Über deinem Frevlerhaupte" gen Himmel, von Bernarda Bobro virtuosest gesungen.

Fux lässt fünf Solisten singen, aber keinen Chor, meist in langen und anspruchsvollen Soloarien. Im Zentrum des Passionsgeschehens Gianluca Buratto als Cristo mit wohlklingender kraftvoller Basspracht. Ihm zur Seite der prägnante lyrische Countertenor Terry Wey als Tröstender Engel und der farbenreiche Tenor Adrian Strooper als Göttliche Liebe. Besonders schön in der Aria "Du wirst den Qualen und Leiden" über einem luxuriösen Continuoteppich von Gambe, zwei Celli, Theorbe, Oboe und Bass. Ein männliches Dreigestirn erstklassiger Sänger, doch konnte keiner von ihnen auch den "schausängerischen" emotionalen Impakt beschwören, mit dem Andreas Lebeda in Schlägl wenige Tage zuvor als Christus in Telemanns Matthäuspassion die Zuhörer zutiefst gerührt hatte. Bei den Damen sang Bernarda Dobro die Göttliche Gerechtigkeit und Yeree Suh die Seele in Betrachtung. Beide Sopranistinnen konnten zwar sängerisch überzeugen, aber emotional oft zu wenig mitreißen; in welchem Belange aber Suh sich im Laufe des Abends beträchtlich steigerte, wie man bei der Arie "Dann geh und sterbe" mit schließlich berührender Ausdruckskraft verspürte. Auch hier möchte ich einen Vergleich ziehen: Wer das Glück hatte, am Montag Anette Dasch im Brucknerhaus bei Bachs Johannespassion zu hören wurde mit allerhöchster Kunst zu Tränen gerührt — ähnliche Intensität konnten die Sänger in der Helmut-List-Halle an diesem Abend nicht recht erreichen. Aber vielleicht lag es auch an der imperialen Kälte des vom spanischen Hofzeremoniell geprägten Wiener Kaiserhauses, deren kühlen Hauch man bis heute verspürt, wenn man zum Beispiel den Prunksaal der Nationalbibliothek auf sich wirken lässt.

Fazit: Ein imperial-katholisch-sakraler Barockcocktail aus Sünde, Schuld, Sühne und Leiden, oft besinnlich und kontemplativ, aber mit relativ geringen Anteilen von tröstlicher Erlösung. Musikalisch anspruchsvoll, denn Fux komponiert auf der Höhe seiner Schaffenskraft, musikhistorisch höchst reizvoll und perfekt für den Gründonnerstag gewählt — ein großer Musikabend in Graz! Bernhard Trebuch ließ übrigens diese Aufführung für den ORF mitschneiden, so dass auf eine spannende CD in der Edition Alter Musik gehofft werden darf.

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